b:828 a:0 raspé architekten berlin

kontext:

berlin classics:
visuelle und stadträumliche reinterpretation von plattenbauten und ihrer ensembles

Ein Kooperationsprojekt zwischen Julian Opie und Caroline Raspé, im Kontext der Ausstellungsreihen "Time Space Architecture" parallel zum UIA, Weltkongress für Architektur, 2002 in Berlin und zur Documenta, in Zusammenarbeit mit Galerie Barbara Thumm. Zu sehen vom 5. Juni bis 5. August 2002

Julian Opie

Künstler, geboren in London 1958, lebt und arbeitet in London.
Einzelausstellungen, Auswahl:
2001: Lisson Gallery London, Ikon Gallery Birmingham, Wetterling Gallery Stockholm
2000: Julian Opie Recent Works, Junge Kunst e.V. Wolfsburg, Alan Christea Gallery London, Scai the Bathhouse Tokyo, Außenraumprojekt für Autostadt/Stadt Wolfsburg
1999: Lenbachhaus Städtische Galerie München, Galerie Barbara Thumm Berlin, Barbara Krakow Gallery Boston, Bob van Oursow Zürich, Primo Piano Rome, Morrison & Judd London, Tensta Konsthall Stockholm

Auszug aus der Veröffentlichung im Jovis Verlag:

"Berlin Classics" zeigt die architektonische Vielschichtigkeit der Stadt und thematisiert deren Wahrnehmung. Vor allem Berlin zeichnet sich durch seine Heterogenität der architektonischen Stile aus. Haltungen stehen unvermittelt nebeneinander. Auch der Hinterhof der Galerie spiegelt diese Mischung verschiedener Zeitschichten und Haltungen wieder. Der Hof, ein halböffentlicher Raum, umgeben von einer eigenwilligen Sequenz von Volumen ist im wesentlichen durch seine Funktion als Durchgangsraum geprägt. Seine ungeplante Geometrie läßt ihn als Restraum erscheinen. Caroline Raspé erarbeitete eine räumliche Intervention, die diese Eigentümlichkeiten heraushebt. Horizontale Bildflächen ziehen sich als Sequenzen vom Eingang der Galerie in den zweiten Hof hinein. Die Funktion der Hofabfolge, das Passagere des Ortes, und damit

auch die Form seiner Wahrnehmung werden thematisiert. Der filmische Charakter dieser großmaßstäblichen Bänder erzeugt einen Bildhintergrund, der Julian Opies künstlerischen Ansatz reflektiert. Wie ein Film, der vor dem Auge abläuft, nimmt man Julian Opies Arbeit im Vorbeigehen wahr. Der Film jedoch ist nicht durch eine linear erzählende Struktur geprägt. Scheinbar zusammenhangslos, aber gleichwertig in der Darstellung, folgt Einzelbild auf Einzelbild. Der Betrachter zappt durch Stadt-und Landmotive. Der vorbeischweifende Blick selektiert, unterscheidet und bewertet die verschiedenen Elemente nicht. Eine Tankstelle, städtische Gebäude, vorstädtische Siedlungen, Kirchen werden alle als gleichwertige Bausteine einer visuellen Sprache wahrgenommen und entfalten eine familiäre Grammatik zeitgenössischer Environments.

Rethinking: space time architecture

Ein Dialog zwischen Kunst und Architektur
Herausgeber: Staatliche Museen Berlin, BDA, Landesverband Berlin
Idee und Koordination: Steffen Lehmann, Caroline Raspé
deutsch / englisch
112 Seiten
mit farbigen Abbildungen
Hardcover
Format: 19,5 cm x 29,5 cm
Euro 25.80 sFr 43.80
ISBN 3-931321-69-x

Presse:
"Das Begleitbuch vermittelt prägnante und reich bebilderte Einblicke in die grenzüberschreitende Praxis. Daneben führen Essays von Architektur- und Kunststheoretikern anschaulich in die historischen Entwicklungen sowie in aktuelle Fragestellungen zu Konkurrenz und Kongruenz der beiden Bereiche ein". Berliner Zeitung

www.jovis.de

erschienen im Jovis Verlag | Kategorie: bilingual books

Berliner Zeitung | 10.08.2002 | Ressort: Feuilleton | Autor: Sebastian Preuss       VISITE
Der Pflasterstrand in der Galerie

Dem Kunst-Flaneur bietet Berlin momentan wenig. Erstmals seit Jahren gibt es ein regelrechtes Sommerloch; dabei ist die Stadt voller Touristen, die sich wundern müssen, woher Berlin seinen Ruf als quirliger Kunstort bezieht. Neidvoll blickt man ins Rheinland, wo ein ganzes Ausstellungsfeuerwerk von den Surrealisten, Miró und dem Punk-Panorama in Düsseldorf über das Kölner Matthew-Barney-Festspiel bis zum Augenschmaus der flämischen Stillleben in Essen vom Stolz dieser Kunstlandschaft kündet. Von solcher Fülle kann Berlin derzeit nur träumen. Selbst der groß angekündigte "Kunstherbst" wird diesmal außer dem Art Forum kaum etwas bieten, was die Anreise wirklich lohnt.

Glücklicherweise zehrt die Szene in Mitte immer noch vom Weltkongress der Architektur. 80 Galeristen beschämten die öffentlichen Institutionen und richteten das spannendste Unternehmen im Rahmenprogramm aus (siehe "Berliner Zeitung" vom 24. Juli). Unter dem Titel "Rethinking: Space - Time - Architecture" fanden bildende Künstler und Architekten zum (bau)künstlerischen Dialog. Ihre Zusammenarbeit, meist ohne kommerzielle Absicht, demonstrierte mehr als alle Museen die Vitalität der Kunststadt Berlin. Einige dieser Werke sind noch nicht abgebaut - so lässt sich die sommerliche Kunstflaute dazu nutzen, manches anzuschauen, was man bislang versäumt hatte.

Die Galerie Barbara Thumm (Dircksenstraße 41) ist zwar geschlossen, doch hängt an ihren Außenwänden noch bis Ende August eine spektakuläre Installation: Caroline Raspé, Architektin in Berlin, entwickelte eine temporäre Trägerkonstruktion, die sich an den Backsteinmauern der Galerie entlang windet und den Bildern von Julian Opie einen filmischen Fluss verleiht. Der Londoner Maler, international erfolgreich mit seinen flächig reduzierten, piktogrammartigen, pseudonaiven Porträts und Stadtlandschaften, ließ seine Gemälde digital vergrößern und auf Kunststoff-Folien übertragen. So wird der verwinkelte Backstein-Hinterhof zu einer poppigen Außengalerie, die die Motive wie auf einem Endlos-Billboard vorbeiziehen lässt.

Die Galerie griedervonputtkamer (Sophienstraße 25) führt eine Zusammenarbeit von Architekten und Künstlern vor, die aus der Praxis kommt. Das Berliner Büro Gewers, Kühn und Kühn baut derzeit in Frankfurt am Main einen monumentales Bankengebäude. Für die Casinodecke unter dem Innenhof ließ sich der Bauträger auf die Berliner Kunst- und Designgruppe "soup" ein, die aus Pixelfeldern eine facettenreiche Dachlandschaft mit kubischen Oberlichtern und zeichenhaften Farbfeldern entwarfen. Ob sich der Bauherr auch zu den skurrilen Erholungslounges von "soup" durchringen kann, ist noch nicht entschieden. In der Galerie ist schon mal ein Prototyp aufgebaut: eine Art Sportraum, ringsum mit einem Turnhallenboden ausgekleidet, darin ein Tischfußball und Tribünensitze aus einer Sportarena. Der zweite Prototyp ist ein Rauchsalon, der mit luxuriösen Versatzstücken eine Havanna-Lounge imaginieren soll (bis 17. August).

So edel geht es in der Galerie Wohnmaschine (Tucholskystraße 35) nicht zu. Der Galerist erholt sich gerade von einem Gastspiel der Niederländerin Mirjam Kuitenbrouwer, die sich samt Hund für vier Wochen einnistete und vor Ort Kleinskulpturen aus alten Kameragehäusen produzierte. Die schönen, surreal verfremdeten Miniaturobjekte erinnern an architektonische Visionen, wie sie derzeit der strukturalistische Altmeister Constant auf der Documenta zeigt. Ein modischer Schuss Retro-Design ist allerdings auch dabei. Als Rahmen dieser Dauerperformance diente ein Berg von Asphaltbruchstücken, die den Galeriefußboden ruinierten und nun zu einer Raumskulptur geschichtet sind (bis 17. August). Der Straßenbauabfall ist eine Frucht von Kuitenbrouwers Kollaboration mit der Rotterdamer Gruppe "Observation", die sich in den Niederländern mit ihren Kunst-Architekturen bereits zahlreiche öffentliche Räume eroberten.

Zum Schluss empfiehlt sich ein Abstecher bei Kicken (Linienstraße 155), wo Richard Pare bis 19. September mit seinen magischen Architekturbildern überwältigt. Metallische Schärfe und malerischer Dunst verschmilzt der englische Fotograf zu unwirklicher Stimmung, in der selbst winzige Details von Le Corbusiers Villen Welthaltigkeit verströmen. Inniger können sich Kunst und Architektur kaum beseelen.

www.thumm.de

Gallerie Barbara Thumm Berlin