kontext:

Stadtwohnen Umbau

eine Austellung in der BDA-Galerie | mit den Projekten "Kleine Heimat" und "Wohin"

Stadtwohnen | Ausstellung in Berlin über Wohnungsumbauten

Die BDA-Galerie in Berlin eröffnet am 25. Juni 2007 die zweite Ausstellung zum Thema Wohnen in der Stadt mit dem Titel "Stadtwohnen - Umbau".

Das Berliner Mietshaus der Gründerzeit war die Antwort auf die große Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum in der beginnenden Industrialisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wohngebäude mussten flächendeckend und in kürzester Zeit errichtet werden. Nicht die Planung von Architekten, sondern Musterbücher gaben die Standards vor. Die Produktion des Wohnraums unterlag den Prozessen und Gesetzen einer industriellen Massenware. Die einzige Maßgabe für diesen Wohnungsbau war die rentable Nutzung der Investition.

Eingeplant waren von Anfang an die späteren Umnutzungen der Wohnungen. Die Organisation des Raumgefüges, Bauweise und Konstruktion haben eine Ausgangssituation geschaffen, auf der Architekten noch über 100 Jahre später anspruchvolle Wohnungen für jetzige Bewohner planen. Die BDA-Galerie zeigt 21 Wohnungsumbauten in Berliner Gründerzeithäusern von Graft bis Modersohn/Freiesleben.

Ausstellung 25. Juni bis 6. September 2007, Mo, Mi, Do 10-15 und nach telefonischer Vereinbarung (Tel. 030/886 83 206). Vernissage: 25. Juni 2007, 19 Uhr.
Ort: BDA-Galerie, Mommsenstraße 64, 10629 Berlin

www.bda-lvberlin.de

Bund Deutscher Architekten Landesverband Berlin

Kleine Heimat | in Berlin Charlottenburg | Caroline Raspé

Leerstand von Ladenflächen in Gebäuden der Gründerjahre ist nicht nur in Berlin wahrzunehmen. Der Umbau eines Ladens zu einer Ladenwohnung in einem klassischen Berliner Mietshaus der Gründerjahre zeigt, welches Potential diese Flächen bieten, komlexe Ansprüche an Nutzungsüberlagerungen im Kontext Wohnen zu bedienen. Es wurde aufgrund des minimalen Budgets und der komplexen Ansprüche der Bauherrin an sich überlagernde Nutzungsoptionen nur ein baulicher Eingriff vorgesehen: Durch das Einstellen einer U-Figur in den hinteren Raum wurde der Schlafbereich von der Sichtachse Eingang/Straße abgetrennt. Zur Straße bildet diese U-Figur den Hintergrund des neuen Badebereichs. Rückseitig ist die Figur als Kleiderschrank ausgebildet. Ein WC war in der Einheit vorhanden.

Als Abtrennung der Nutzungsbereiche Wohnen und Verkauf für das kleinste Straßencafé Berlins Kleine Heimat sind Vorhänge eingesetzt worden. Im Keller, der direkt aus der Einheit zugänglich ist, lagern alle Dinge, die man nicht täglich braucht, sowie der Vorrat für den Verkauf. Durch ein dunkel pigmentiertes Öl hat der geflickte Dielenboden eine Homogenität bekommen.

Wohin | in Berlin Westend | Caroline Raspé

Die Wohnung befindet sich in einem Gebäude, das als einzeln stehender Solitär mit Vorgartenzone typologisch dem Bürgerlichen Geschosswohnbau der Gründerjahre zuzuordnen ist. Diese Typologie ermöglichte schon damals andere Raumabfolgen als das klassische Berliner Mietshaus. Spektakulärster Eingriff des Umbaus war der Abriss der vorhandenen Flurwand und das Inszenieren des Eingangsbereichs durch das Einstellen einer U-Figur, die gleichzeitig die Rückwand der Küche bildet. Durch diesen Eingriff wurde die Küche im vormaligen Berliner Zimmer zum Zentrum der Wohnung und gleichzeitig zum Hauptverteiler.

Parallel sind aufgrund von vorhandenem Vintage-Mobiliar und einer Bulthaup-Edelstahlküche fast alle Bestandstüren in der Wohnung versetzt worden, damit Möbel und Küche einen ihnen entsprechenden Platz finden und durchgehende Sichtachsen entstehen. Das Umsortieren aller Bestandstüren erzeugte raumweisend neue und typologisch ausgewogene "Türenbilder". Die Abfolge der Wohnungsfunktionen zur Straße wurde so umorganisiert, dass komplexere Schaltbarkeiten und Erschließungen der Räume möglich werden.

Wohin ist ein Teil des Neonschriftzugs "Wohin in Berlin", ursprünglich auf dem Hochhaus Unter den Linden, Ecke Friedrichstrasse. Das Fragment als Fragewort ist installiert im neuen Raumteiler und begrüßt jeden Eintretenden.

Hüttenträume | Wie der Umbau von Altbauwohnungen neue Räume schafft : eine Austellung in der BDA-Galerie | Tagesspiegel | Sonnabend 1. September 2007 | Kuturteil S. 27 | Von Michael Zajonz

Fünftausend Euro und die richtige Architektin - mehr braucht es nicht, um einen Lebenstraum zu verwirklichen. Einen kleinen zumindest. "Kleine Heimat" heißt das winzige Straßencafé in der Charlottenburger Fritschestraße 24. Klein ist das umgebaute Ladenlokal nicht zuletzt deshalb, weil seine 95 Quadratmeter nur zum geringsten Teil für den Straßenverkauf reserviert sind.

Vorne raus werden durch ein altes Schaufenster Cappuccino, Suppen und Vorarlberger Spezialitäten gereicht. Hinter einem doppelten Vorhang wohnt die Besitzerin Petra Schnauder mit ihrer siebenjährigen Tochter. "Das hier ist für meine gegenwärtige Lebenssituation ideal", meint die Neugastronomin. Für den hinteren von drei Räumen hat ihr die Architektin Caroline Raspé eine freistehende Wandscheibe als Sichtschutz entworfen. Davor steht die Badewanne, darin verbirgt sich der Kleiderschrank, dahinter das Bett.

Die "Kleine Heimat" ist das preisgünstigste und pfiffigste von 21 Projekten, die derzeit in der Charlottenburger BDA-Galerie vorgestellt werden. Sechzehn Berliner Architekturbüros präsentieren dort auf einheitlich gestalteten - nur leider zu kleinen - Tafeln neue Ideen zum Umbau von Berliner Altbauwohnungen. Ausgebaute Dachgeschosse sind auch dabei. Das spektakulärste stammt von Graft und hat über eine halbe Million Euro gekostet. Dafür kann der stolze Bauherr nicht nur über ganz Prenzlauer Berg schauen, sondern hat dabei auch ein paar hochelegant geschwungene neue Wände im Rücken.

Wesentlich sensibler auf den vorhandenen Bestand gehen meist die Umbauten historischer Geschosswohnungen ein. Manchmal sind es nur ein paar Gipswände, die verschoben werden müssen, oder eine Fensterbrüstung, deren Abriss aus einem dunklen "Berliner Zimmer" einen lichtdurchfluteten Salon macht.

Eine Altbauwohnung ist der Traum vieler. In Berlin stammen sie in der Regel aus den Jahren zwischen 1871 und 1918. Was heute individuell wirkt, wurde seinerzeit von Bauspekulanten nach Musterbüchern errichtet. Repräsentation stellte man dabei über Vernunft. Grundrisse richteten sich nach Konventionen, nicht nach der Sonne. Und doch gilt gründerzeitliche Bausubstanz in ihrer bürgerlichen Spielart als unschlagbar solide.

Umbauten in Altbauten können aus dem Vollen schöpfen: Da wird das angegriffene Bild durch neubeschaffte historische Bauelemente oder das Versetzen von Türen geheilt. Oder, wie bei Thomas Krögers glamouröser Wohnung Jochum, der Mangel an natürlichem Licht effektvoll dramatisiert. Bei fast allen Umbauten hat man Raumnutzungen umdefiniert. Meist wanderten die Bäder und Küchen an andere Stellen und wurden vergrößert. Neue Einbaumöbel wie die elegant gefältelten Schränke von Projekte Engelschall Pälmke akzentuieren Sichtachsen und Raumübergänge.

Über Architekten kursiert das böse Aperçu, dass sie Neubauten entwerfen und selbst in Altbauten leben. Altbauwohnungen für andere umzubauen, verspricht allerdings auch wenig Ruhm: viel Detailarbeit, kleines Honorar. Doch dafür baut man mit - an Lebensträumen.

BDA-Galerie, Mommsenstraße 64, bis 6. 9.; Mo, Mi, Do 10-15 Uhr. Ausstellungsgespräch am 3. 9., 19 Uhr.

www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2370675

Artikel im Tagesspiegel